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Das Melodram Enoch Arden op. 38 von Richard Strauss (1864-1949) basiert auf der gleichnamigen, 1864 erschienenen Verserzählung von Alfred Tennyson in der deutschen Übersetzung von Adolf Strodtmann.

Die Handlung spielt in einem englischen Seestädtchen, wo drei Kinder, Enoch Arden, Philipp Ray und Annie Lee, ihre sorglose Jugend genießen. Zuweilen kommt es zwischen den beiden Jungen zu Konflikten. In solchen Momenten ist es Annie, die in der Rolle der Freundin mal des einen, mal des anderen Jungen den Streit schlichtet. Aus dem Spiel wird Ernst. Die Liebe der beiden Bewerber zu Annie dauert an, der Auserkorenen bleibt schließlich keine Wahl: Sie muss sich entscheiden. Annie wählt Enoch. Es folgen sieben glückliche Jahre. Als der Gatte und Vater zweier Kinder mit einem Handelsschiff zu einer weiten Reise nach China aufbricht, Annie über Jahre hinweg nichts von ihm hört und ihn schließlich für tot glaubt, heiratet sie Philipp, den anderen Freund aus Kindertagen. Doch Enoch Arden ist nicht verstorben. Nachdem er einen schweren Schiffbruch überlebt hat, kehrt der verschollen Geglaubte in die Heimat zurück. Noch bevor er sein Haus betritt, erfährt er vom neuen Glück seiner Frau: Von niemandem erkannt, führt Enoch ein Jahr lang ein einfaches Leben in der Gemeinschaft der englischen Fischer, ohne sich in Annies zweite Ehe einzumischen. Erst auf dem Totenbett bittet er die Wirtin, seiner Familie nach seinem Dahinscheiden die Wahrheit zu berichten und die Gründe für sein Handeln zu erläutern.

Das am 23. März 1897 in München uraufgeführte, knapp einstündige Melodram zählt nicht zu den bekannten Werken in Strauss’ OEuvre. Der wesentliche Grund hierfür liegt vor allem in der spärlichen Behandlung des Klavierparts. Der Komponist lässt während der 60 Minuten Spieldauer viel Zeit verstreichen, in der nur der Sprecher agiert. Im – verhältnismäßig kurzen – Klavierpart zeigt sich jedoch Strauss’ hohe Begabung, was Naturschilderung, die Zeichnung von Genreszenen und die musikalische Umsetzung menschlicher Charaktere angeht. So anschaulich, wie der Dichter Tennyson die Stationen der Fabel beschreibt (Wellen, die von der Küste gebrochen werden, Enoch Arden unter den Palmen einer Südsee-Insel, die gemütliche Szene einer Familie am Feuer), skizziert Strauss diese Stationen mit Klängen, Akkorden und Melodien.